Es hört nie auf

23.09.2021

“Irgendwann muss doch mal gut sein.“ Oder „Du musst auch mal nach vorn blicken.“ Oder: „Du solltest dich damit aussöhnen.“ Oder: „Du solltest damit Frieden schließen und zur Ruhe kommen.“ – Das habe ich jetzt mehrfach zu hören bekommen, nachdem Menschen aus meinem Umfeld davon gehört haben, dass ich ein Buch darüber schreibe, was Adoption und Pflege mit anderen und mir gemacht haben.

Diese Sprüche hören sich doch eigentlich ganz gut an, oder? „Sich aussöhnen“ und „Frieden schließen“ – was kann man dagegen schon sagen? Einiges, finde ich. Genau gesagt, dreierlei.

Zunächst: Ich unterstelle einfach mal beste Absichten bei den Personen, die mir so etwas gesagt haben (wobei ich mich des Eindruckes nicht erwehren kann, dass für einige auch wichtig ist, selbst mit diesem Thema in „Ruhe“ gelassen zu werden, darauf komme ich nochmals am Ende).

Was sie aber nicht sehen können oder wollen: Dass die Adoption mich für mein ganzes Leben geprägt hat und mich – so sehr ich mich damit ausgesöhnt habe – immer wieder vor heikle Situationen stellt. Und damit bin ich schon beim ersten Punkt.


Mit den Folgen weiter zu kämpfen haben
Es ist wie bei einem Tischler oder auch Nicht-Tischler, der einen Finger weniger hat. Er denkt nicht jede Sekunde daran, aber zwischendurch wird ihm immer wieder schmerzlich bewusst, dass der Finger fehlt. Er kann sich zwar damit aussöhnen, dass der Finger amputiert wurde. Er kann so tun, als ob er den Finger hätte. Er kann auch so tun, als wenn es ihm nichts ausmachte, dass er den Finger nicht mehr hat. Aber dennoch: So manches Mal wird ihn das Fehlen dieses Fingers behindern.

So ist es auch bei mir. Ich kann so tun, als wenn ich nicht adoptiert worden wäre. Ich kann sogar so tun, als wenn es mir nichts ausmachte. (Beides habe ich lange genug getan.) Ich kann mich sogar damit aussöhnen. (Ich meine, auch das getan zu haben.) Doch die Folgen bleiben bestehen. Ich habe zwei Familien. Und das stellt mich immer wieder vor Loyalitätskonflikte: Ich bleibe zerrissen zwischen meinen beiden Familien. Und ich werde bis an mein Lebensende darauf angesprochen werden, dass ich anders aussehe als meine Eltern und Brüder. Um nur zwei Folgen der Adoption zu nennen. Das und einiges andere verschwindet nicht einfach, weil ich mich damit ausgesöhnt habe. Der Finger bleibt weg, und ich bleibe adoptiert.


Mit den emotionalen Folgen weiter zu kämpfen haben
Ich komme zum zweiten Punkt. Ich kann mich zwar aussöhnen mit meiner Lebensgeschichte. Doch sie hat mich geprägt und damit muss ich klarkommen. Wir alle werden von unserer Lebensgeschichte geprägt. Wir alle bringen einen Rucksack aus unserer Kindheit und unseren früheren Beziehungen in neue Beziehungen mit (habe ich in der Ehetherapie gelernt).

Ich finde es wichtig zu wissen, was die Adoption mit mir gemacht hat. Ich finde es mindestens so wichtig, dass meine Leute wissen, was die Adoption mit mir gemacht hat. (Was genau, verrate ich hier nicht. Das kannst du bald in meinem Buch nachlesen.) Das kann uns sehr helfen, besser miteinander klarzukommen.


Sich damit beschäftigen, um sich damit aussöhnen können
Ich komme zum dritten Punkt: Man kann sich nur mit etwas aussöhnen, was man zuvor betrauert hat. Worüber man zuvor wütend und traurig war. Wenn man sich das nicht erlaubt, dann kann man sich damit auch nicht richtig aussöhnen. Es ist wie mit der Vergebung: Man kann nicht etwas vergeben, was einen kalt lässt. Dann bräuchte man nämlich gar nicht zu vergeben.

Seltsamerweise sagen mir auch die Leute, die noch nie von mir einen Ton darüber gehört haben, ich möge mich „doch endlich“ damit aussöhnen. Ich kann nicht anders als es so zu interpretieren, dass sie mir grundsätzlich verbieten wollen, darüber zu sprechen. Ich könnte es ja noch verstehen, wenn ich sie jahrelang mit diesem Thema konfrontiert hätte. Wenn ich ihnen damit immer wieder auf die Nerven gegangen und von nichts anderem gesprochen hätte. Eben das habe ich ja (und die meisten von uns) gerade nicht getan.

Hey Leute, ich fange doch gerade erst zum ersten Mal an, darüber zu sprechen! Wenn ihr das aus irgendwelchen Gründen nicht wollt, dann sagt es mir! Aber bitte nicht mit den oben genannten Sätzen. Durch diese Sätze fühle ich mich bewertet und verurteilt.

Ich könnte viel besser damit umgehen, wenn ihr sagt, dass es euch zu weh tut, mit diesem Thema konfrontiert zu werden. Oder meinetwegen auch, dass es euch nicht gut tut.

Ja, ich sehe es als hilfreich an, mich mit meiner Lebensgeschichte auszusöhnen. Ich habe es getan und will es weiterhin tun. Das hindert mich jedoch nicht daran, meine Lebensgeschichte zu erzählen. Im Gegenteil.

Ich hätte es fast vergessen zu sagen, dass die oben genannten Sprüche nur einen kleinen Teil der Reaktionen darstellen, die ich bekomme. Der deutlich größere Teil zeigte sich daran sehr interessiert. Wie du offensichtlich. Das tut mir gut!

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